„Streit entsteht, wenn man im Gefühl seines Rechtes auf Widerstand stößt. Ohne die Überzeugung des eigenen Rechts führt Widerstand zu Hinterlist oder gewaltsamem Übergriff, aber nicht zu offenem Streit.“
Okay, da hatte ich eben einen Anflug, von Nackenhaare-aufstellen, als ich diese Aussage im I Ging unter „5. SUNG / DER STREIT“ eben noch einmal las. Ein paar Stunden früher tat ich dies zum ersten Mal heute, aber da kam es noch nicht an. Es war keine Orakel-Frage an das I Ging, sondern das nächste Hexagramm; ich lese es gerade von Beginn an durch, und heute eben da.
Nun, als ich mich eben innerlich darauf vorbereitete, jetzt und hier zu schreiben, und dann diese Zeilen noch einmal las, überkam mich die Erinnerung eines Gewaltaktes durch meinen Adoptivvater vor ungefähr fünfunddreißig Jahren, der sich deutlich abhob, von dem, was ich gewohnt war. Egal jetzt, auch wie dieser Konflikt zustande kam – dazu dann vielleicht an anderer Stelle mehr -, jedenfalls war dieser Gewaltakt ein Schlüsselerlebnis, nicht nur in der Beziehung zu ihm, sondern, in meinem von da aus angegangenen Verhalten in Konfliktsituationen, insbesondere in diesen eben nicht mehr verbal zu reagieren, sondern entweder zu vermeiden, oder falls nicht möglich, gestresst und ängstlich zu kontern. Jedenfalls scheine ich nun den Schlüssel gefunden zu haben, wie dieser Gewaltakt zustande kam. (Ich musste soeben kichern deswegen).
Es hatte sich natürlich schon einiges verändert gehabt, was diese spezielle Situation von damals, und meine emotionale Reaktion in Konfliktsituationen anging, schon klar, aber in der Regel ignoriere ich den meist über mich hereinbrechenden Monolog oder breche ich den Dialog mittlerweile einfach ab und gehe. Für alles weitere gibt es dann andere Verhaltensweisen, also, sofern ein örtlicher Rückzug nicht möglich ist, und ich schutzlos ausgeliefert sein sollte. Darüber dann aber später beziehungsweise ein anderes Mal mehr.
Ein paar Jahre später gab es eine vergleichbare Situation. Allerdings waren die Rahmenbedingungen andere. Es war zwar der gleiche Ort, aber es war eine Zeugin, eine Freundin meiner und meiner Geschwister Mutter, anwesend, zudem war ich frisch aus der Psychiatrie entlassen worden. Das mit der psychischen Verfassung zu jenem Zeitpunkt ist ein Dosenöffner gewesen, sowie die Anwesenheit einer dritten Person natürlich sehr nützlich war.
Jedenfalls wurde ich zu Beginn jenes (zweiten) Wutausbruches von ihm zuerst belächelt, und erst nach ausdrücklicher Gewaltandrohung und mit fortschreitender Zeit – die Situation dauerte so fünfzehn oder zwanzig Minuten -, veränderte sich seine Stimmung in Angst. Nicht, dass ich ihn von Anbeginn da haben wollte, jedoch löste die reine emotionale Veränderung in ihm mir gegenüber etwas aus. Es war mehr als Befriedigung, oder vielleicht sollte ich sagen, es war Befriedigung auf mehren Ebenen. Zunächst half es einmal, offen und insbesondere auch ihm gegenüber Wut abzulassen – auch wenn ich bis heute nicht den Eindruck habe, dass er jene Situation und meine Gefühle ihm gegenüber einschätzen konnte und auch nur ansatzweise verstand -, des Weiteren war es die Anerkennung, die mich weit mehr zufriedenstellte, nämlich eine gewisse Anerkennung meiner Gefühle. Sonst waren es eher so Aussagen wie, er hätte dann schon früh morgens einen Grund zu kotzen, wenn er mich und meine Frisur sieht, oder, „Spinnst du jetzt vollends?“, und weiteres in diese Richtung.
Na ja, was soll ich weiter sagen dazu? Ich hatte mit ihm ein oder zwei Wochen später ein Gespräch, in welchem es indirekt um diesen offenen Konflikt ging, und in welchem ich ihm eine unausgesprochene Vorgehensweise anbot, ohne, dass es mir damals bewusst gewesen war. Ich erinnere mich nur noch an die Aussage von mir, dass ich es wohl nicht verkraften würde, wenn ich nun, da meine Mutter wenige Monate tot sei, auch noch ihn verlieren würde. Und prompt fand daraufhin eine unausgesprochene Kontaktsperre, die er laut meiner Geschwister, ihnen gegenüber verlautbarte, und welche er auf zehn Jahre festlegte.
Natürlich ist das meine ganz persönliche Sicht der Dinge, aber ich glaube nicht wirklich an den Zufall, vor allem nicht in Beziehungen.
Sollte also, die von mir so genannte Kontaktsperre seine Idee gewesen sein, warum dann das Treffen mit mir, nach diesem offenen Konflikt mit Zeugin?
Es ist natürlich schwierig, jetzt, all die lange Zeit später, darüber zu schreiben. Ich weiß das. Es klingt, wenn ich das jetzt noch einmal durchlese, auch wie eine Abrechnung. Vielleicht. In erster Linie geht es mir aber darum, diese Erlebnisse, insbesondere rund um meinen Adoptivvater und diese Adoption, endlich einmal zu verarbeiten und dann auch loslassen zu können. Diese unbearbeiteten Situationen machen mir einfach zurzeit – und wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, nicht erst seit gestern – das Leben sehr schwer. Und mangels Gesprächspartnerinnen oder Gesprächspartnern ist dies die einfachste und sinnvollste Lösung.